Kriminelle Zeitreisen mit Granny Luise

Untertitel


               


                 Fuck you, Johann-Wolfgang - Hochachtungsvoll, Dein Friedrich!









verfasst von Autorin Angelika Godau


Wenn Sie gern lesen, und mehr als nur ein Buch ihr eigen nennen, dann haben Sie vielleicht sogar schon einmal mit dem Gedanken gespielt, selber eines zu schreiben und schlimmstenfalls auch umgesetzt. Das muss so sein, denn woher kämen sonst die 800 neuen Bücher täglich? Ja, 800 jeden Tag, das sind 5600 in einer Woche, 22 400 im Monat und damit über 250 000 in einem einzigen Jahr.

Wer soll die alle kaufen? Sollten Sie also tatsächlich noch mit dem Gedanken spielen, lassen Sie es und suchen Sie sich ein anderes Hobby!


Erforschen Sie giftige Spinnen im tropischen Regenwald, gehen Sie mit Haien tauchen oder machen Sie Bungee-Sprünge in den Colorado-River. Egal, wofür Sie sich entscheiden, es ist entspannend gegen das, was Sie als Autor erleben würden..


Okay, es gibt Einschränkungen, denn sollten Sie zufällig Becker, Pocher, Bohlen oder Wickert heißen, also ein Promi sein, dann gilt das oben Gesagte nicht für Sie. Vergessen Sie den Regenwald, lehnen Sie sich entspannt zurück, Ihr Buch wird sich verkaufen. Sie müssen es nicht einmal selber geschrieben haben, es reicht, wenn Ihr Name auf dem Cover steht. Das ist nämlich schon die halbe Mieter: Männliches Geschlecht und ein bekannter Name. Für Sie gilt das, was ich hier schreibe nicht, aber allen anderen angehenden Autoren mag es eine ernstzunehmende Warnung sein.


Jedes Buch beginnt im Kopf und wird bereits dort gedreht und gewendet, verworfen oder für gut befunden, bevor auch nur ein Buchstabe das Licht des Papiers entdeckt. Das heißt, jedes Buch beginnt als Idee und ist damit einem Baby nicht unähnlich. Das ist Blödsinn, sagen Sie? Wieso? Vielleicht hatten Sie damals auch nur die Idee, ein Bier trinken zu gehen, mit der Metro zu fahren, sich einen Film anzusehen oder eine Oper anzuhören. Die gleiche Idee hatte zufällig, zur gleichen Zeit, ein Mensch des anderen Geschlechts auch.....und am Ende landeten Sie zusammen im Kreißsaal.


Verstehen Sie was ich meine? Ein Buch entsteht nicht einfach so, es ist ein langer, beschwerlicher Weg von der Empfängnis bis zur Geburt des fertigen Werkes. Und kaum ist es da, geht der Stress erst richtig los. Ihnen völlig fremde Menschen werden es lesen und bewerten. Öffentlich! Das dürfen die, ohne jeden Nachweis, Ihr Buch überhaupt gelesen zu haben. Menschen, deren Ausdruck und Grammatik manchem Drittklässler die Schamröte ins Gesicht treiben würden. Dagegen können Sie nichts tun, auch, wenn es Ihnen schlaflose Nächte und Seelenpein bereitet. Also, noch ist es Zeit, sich für den Regenwald zu entscheiden.


Ich selber habe leider eine tiefsitzende Angst vor Spinnen, daher kam der Regenwald für mich nicht infrage,und da ich obendrein unter Höhenangst leide, fiel auch das Bungeespringen aus.Trotzdem, es war der pure Schwachsinn, ein Buch zu schreiben und an dessen Erfolg zu glauben. Ich glaube doch auch nicht an Einhörner!


Wie auch immer, vielleicht als Anzeichen beginnender Demenz, habe ich es trotzdem getan, ich habe ein Buch geschrieben und es nicht gleich in der nächsten Schublade versteckt. Das lag zum Teil natürlich daran, dass ich trotz meines weit fortgeschrittenen Alters einen Computer bedienen kann und meine Bücher dort abspeichere. So weit, so gut, es wäre nichts weiter passiert, die Geburt war abgeschlossen, Mutter und Kind wohlauf, alles hätte damit ein gutes Ende haben können. Leider war ich nicht davon abzubringen, mein Baby der Öffentlichkeit präsentieren zu wollen. Ganz stolze Mutter, überzeugt davon, etwas einmaliges, absolut wunderbares geschaffen zu haben, machte ich mich auf die Suche nach Öffentlichkeit, sprich nach einem Verleger.

Die nächsten Wochen und Monate bekam ich dadurch reichlich Gelegenheit, ausgiebig zu bedauern, weder meine Spinnen, noch meine Höhenangst therapeutisch angegangen zu sein, denn das wäre sicherlich schneller von Erfolg gekrönt gewesen.

Ich möchte Ihnen die traurigen und frustrierenden Details ersparen, nur so viel, man darf nicht empfindlich sein oder sich allzu schnell abgelehnt fühlen. Literaturagenten und Verlagschefs sind Primadonnen, die nehmen keine Rücksicht auf die Gefühle anderer Menschen, und wer ihren Alltag kennt, entwickelt dafür sogar Verständnis. Bis zu 1000 Manuskripte, die kein Mensch angefordert hat, gehen angeblich Woche für Woche bei ihnen ein. 1000 mal durchschnittlich 400 Seiten! Wer soll das lesen? Dass damit auch der motivierteste Praktikant – und denen überlässt man in der Regel die Vorauswahl – hoffnungslos überfordert ist, wer würde das nicht verstehen? Gehen wir einmal davon aus, dass ein Verlag zweimal im Jahr, 20 neue Bücher rausbringen möchte, dann kann er die aus round about 24 000 Manuskripten pro Halbjahr auswählen. Segen oder Fluch? Auf alle Fälle zeitintensiv und da bleibt keine mehr, hoffnungsvoll wartenden Möchtegernautoren zumindest ein paar bedauernde Zeilen zu schicken, warum man leider, leider ausgerechnet dieses Wunderwerk der Schriftstellerkunst nicht veröffentlichen möchte.


Jetzt haben Sie einen kleinen Einblick gewonnen, wie schwierig es ist, einen Verlag ausgerechnet für IHR Werk zu begeistern. Egal, wie entzückend und vielleicht sogar genial Ihr Baby ist, für Verleger ist es nur eines unter unendlich vielen. Ja, ich weiß, diese Erkenntnis tut weh, ist aber dennoch das beste, was Ihnen passieren kann.


Auch wenn also alles dagegen sprach, was nur dagegen sprechen konnte, ich habe einen Verlag gefunden, den mein Buch überzeugt hat. Nein, ist gelogen, ich habe sogar zwei gefunden! Können Sie sich das nach dem oben beschriebenen vorstellen? Ich konnte es nicht, aber es ist tatsächlich passiert. Ein sehr kleiner und ein nicht ganz so großer zeigten Interesse und boten mir an, mein Buch herauszubringen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Nun hatte ich zwar die Qual der Wahl, aber am Ende einen Vertrag und die Hoffnung darauf, bekannt und berühmt zu werden.


Ha-Ha, war ein Scherz, so naiv war ich nicht. Ich wusste sogar, dass ich nicht einmal reich werden würde. Dazu hätten meine Verkaufszahlen die von Harry Potter toppen müssen und, bei allem berechtigten Stolz auf mein Werk, das erwartete ich nicht. Keine Ahnung, wieviel Autoren und rinnen es in Deutschland gibt, aber ich gehe mal davon aus, dass höchstens 2 Prozent vom Schreiben allein leben kann...wenn es denn so viele sind. Glauben Sie nicht? Bücher sind schließlich nicht billig? Stimmt trotzdem, denn, gehen wir davon aus, ein Buch hat einen Ladenpreis von 9,90 Euro (die magische Grenze für ein Taschenbuch) ca. 50 Prozent verdient der Buchhandel, bleiben 4,90 Euro, davon muss der Verlag die Druckkosten, alle Angestellten und sonstige Aufwendungen bezahlen. Dass da für den Autor nicht mehr viel übrigbleibt, ist traurig, aber leider wahr. So zwischen 0,40 und 0,45 Cent pro endgültig verkauftem Buch werden es sein. Vorsteuer, versteht sich, schließlich wollen wir die Bäume nicht in den Himmel wachsen lassen. Vermutlich würde ich wesentlich mehr verdienen, wenn ich mich mit meinem Hund auf die Domplatte setzen würde, was ich aber meinem Hund nicht antun möchte.


Wer denkt denn auch bei der Aussicht daran, sein Werk gedruckt zu sehen, an den schnöden Mammon? Selbst Friedrich Schiller hatte ganz schlechte Zeiten zu überwinden und wer weiß, vielleicht hat auch er das eine oder andere mal »Fuck you Goethe« gedacht, »dein Erlkönig ist auch nicht besser, als meine Bürgschaft«...könnte doch sein, oder?


Ich denke so etwas manchmal, wenn ich von Autorenkollegen lese, deren Buch bereits nach drei Tagen in die 5.Auflage geht und die sich gar nicht mehr retten können, vor lauter positivem Feedback. Gebe ich zu, auch wenn das natürlich kein gutes Licht auf meinen Charakter wirft.


So weit war ich aber noch nicht, zuerst einmal war alles eitel Sonnenschein, ich hatte einen Verlag auf mein Baby aufmerksam machen können, mein Buch würde erscheinen. Das war mehr als nur die halbe Miete, das war toll! Erhob es mich doch kilometerweit über diejenigen, die ihr Werk in Eigenregie auf den Markt bringen mussten, weil niemand sonst es haben wollte. Ich hatte kurzzeitig vergessen, dass Hochmut vor dem Fall kommt, was mir recht schnell wieder einfiel.


Von der Vertragsunterzeichnung bis zum Erscheinen verging mehr als ein Jahr und immer öfter drängte sich mir der Eindruck auf, dass die Begeisterung seitens des Verlages wesentlich geringer war, als meine eigene. Ich fand viele Erklärungen, die dieses Bauchgefühl entkräften sollten. »Verlage wollen Erfolg haben und Geld verdienen, die nehmen keine Manuskripte an, die von vorne herein zum scheitern verurteilt sind.« Außerdem war mir schließlich in Aussicht gestellt worden, aus meinem Erstlingswerk eine ganze Serie zu machen. Na also, was wollte ich mehr?


Irgendwann geht auch die längste Wartezeit zu Ende und an einem ganz normalen Mittwoch brachte die Post einen Karton mit meinen ersten gedruckten Büchern. Rezensionsexemplare, die darf man an künftige Fans verschenken.

Niemand, absolut niemand, der das nicht selber erlebt hat, kann dieses Gefühl nachvollziehen. Es kommt dem, wenn man sein Erstgeborenes nach einer dramatischen Geburt endlich in den Armen hält, verdammt nahe! Nichts würde je wieder so sein, wie es war, ab sofort war alles anders, heller, schöner, wunderbarer. Leider wusste, außer meiner Familie kaum einer etwas davon und selbst deren Begeisterung hielt sich in engen Grenzen: »Mutter hat ein Buch geschrieben, schön!« Klang ungefähr wie: »Mutter hat einen Kuchen gebacken, prima!«


Hätte ich in diesem Moment geahnt, dass ich dieses Gefühl der Enttäuschung noch sehr, sehr oft haben würde, ich glaube, ich hätte doch noch den nächsten Flieger Richtung Regenwald gebucht.


Noch überwog die Begeisterung und ich durchsuchte Tag für Tag das Internet, um auch nicht den allerkleinsten Hinweis auf mein Buch zu verpassen. Leider fand ich nichts. Die Tage vergingen, die Wochen auch, alles blieb wie immer. Dann wollte ich es wissen, ging in die nächste große Buchhandlung und suchte auf den Tischen am Eingang unter Neuerscheinungen. Nichts, überhaupt nichts. Auch nicht unter den alphabetisch angeordneten Autoren, nichts unter Krimi, nichts unter irgendwas. Es gab mich überhaupt nicht!

Die aufsteigenden Tränen tapfer hinunterschluckend, fasste ich mir Mut und fragte einen Verkäufer. Seine Antwort war niederschmetternd: »Nein, diesen Verlag führen wir nicht!«

Ein weiteres Mal erschienen mir Spinnen durchaus eine Option zu sein.


Um es kurz zu machen, viel änderte sich nicht. Mein Buch erhielt zwar respektable Rezensionen, auch die Presse an meinem Wohnort berichtete wohlwollend, aber der Durchbruch blieb aus, obwohl doch Regionalkrimis angeblich boomen. Vermutlich hatte sich das bis Detmold noch nicht herumgesprochen, denn in ganz Lippe schwiegen die Medien unisono und nicht einmal die Buchhandlungen hatten angeblich etwas von mir und meinem Buch gehört.

Nachfragen beim Verlag wurden kurz, manchmal nur mit Halbsätzen beantwortet. Zeit ist Geld und das investiert man nicht in unbekannte Autoren. Selbst aktiv werden, hieß die Parole. Nur wie? Sollte ich mir mein Buch wie einen Staubsauger unter den Arm klemmen und damit von Tür zu Tür gehen? Ich fragte das nicht ernsthaft und wartete auf Gelächter, was ausblieb. Von Autorenkollegen erfuhr ich dann so nach und nach, dass es im Grunde genommen, genau darauf hinauslaufen würde.

Klinkenputzen! Buchhandlungen, Altersheime, Landfrauen, Cafés, Kneipen, was auch immer aufsuchen und fragen, ob sie denn eventuell Interesse an einer Lesung hätten.

Vor dem momentan so gern gebuchten »Krimidinner« wurde ich aber wohlwollend gewarnt: »Lass es! Es ist total blöde, wenn Du gerade eine spannende Szene liest und der Ober kommt rein und fragt, wer die Schlachtplatte bestellt hat.«


Noch vor der Schlachtplatte stand ohnehin noch die renommierte Frankfurter Buchmesse an. Ich, als Verlagsautorin würde doch wohl dabei sein, oder? Eher nicht, denn mein Verlag schien gut auf mein Erscheinen verzichten zu können, schickte mir dann aber doch, auf Nachfrage eine Einladung und einen Termin zu einem Gespräch mit meiner Lektorin. Toll, schon jetzt einigermaßen ernüchtert, bekam ich den Rest dann auf der Buchmesse selber. Riesig, Menschenmassen, Bücher in unüberschaubarer Menge. Allein die Neuerscheinungen füllten kilometerlange Regale, 800 jeden Tag!!!

Um es kurz zu machen, mein Termin fiel aus! Angeblich hatte ich ihn verwechselt, was ja bei beginnender Demenz vorkommen kann und außerdem, so viel Zeit brachte meine Lektorin immerhin noch für mich auf: Mein Buch verkaufte sich nicht gut, blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Warum, wieso? Ja, darüber müsste man reden, irgendwann einmal, aber nicht heute.

Können Sie nachvollziehen, warum ich jetzt doch lieber im Regenwald gewesen wäre?


Verlage sind nicht die Caritas, das ist mir bewusst, aber Autoren sind auch Menschen, ob man es glaubt oder nicht und sollten auch als solche behandelt werden. Denn mit jedem Buch, dass diesen Namen verdient, geben sie ein Stück von sich preis und dafür verdienen sie zumindest Respekt, wenn schon sonst nichts. In diesem Sinne: Schöne Grüße aus dem Regenwald!


P.S. Habe hier einige interessante Menschen kennengelernt und wir haben beschlossen, gemeinsam einen Verlag zu gründen.

Sollten Sie also immer schon mit dem Gedanken gespielt haben, ein Buch zu schreiben, wenden Sie sich vertrauensvoll an uns – unsere Praktikanten freuen sich auf Ihr Manuskript!


PP.S. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Verlagen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Klar, ne?